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Wenn 350 Wildfremde Schnittchen speisen
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Keine Party wollten sie machen und keine Performance
zum Zuschauen. Stattdessen kreieren die Studierenden der Hochschule
für Gestaltung (HfG) im Frankfurter TAT ihre interaktiven Lebenswelten
zur immer wieder neuen Überraschung des Publikums. Noch
kein bisschen müde will das Schmalclub-Team unter der künstlerischen
Leitung von HfG-Professor Heiner Blum und dem Ballett-Frankfurt-Intendant
William Forsythe in der nächsten Saison den öffentlichen
Raum erkunden.
OFFENBACH/FRANKFURT. Was ist das? 350 erwachsene
Menschen treffen sich in einem Theater, bekommen an der Pforte Zahnputzzeug
und Kopfkissen in die Hand gedrückt, und lassen sich auf bereitliegenden
Matratzen nieder, um Seite an Seite zu schlafen wie zuletzt im Ferienlager?
Oder: 350 einander Wildfremde kommen für vier Stunden zusammen,
um, in 17 Tisch-Gruppen aufgeteilt, mit Häppchen versorgt zu
werden.
Das und noch viel mehr ist der Schmalclub. Entstanden ist er vor
mehr als zwei Jahren, als der Intendant des Frankfurter Balletts
William Forsythe auf die Idee kam, die freien Restflächen in
seinem Bockenheimer Depot kreativ zu nutzen. Er wandte sich an Heiner
Blum, Professor für experimentelle Raumkonzepte an der Hochschule
für Gestaltung. Seitdem gibt es eine sich ständig erneuernde
Gruppe von etwa 20 Studierenden, die gemeinsam mit Blum und Steve
Valk, dem Dramaturgen des Ballett Frankfurt in regelmäßigen
Abständen im Theater am Turm (TAT) ihre Phantasiewelten aufbauen.
"Am Anfang haben wir uns einfach zusammengesetzt
und geträumt, gesponnen", erinnert sich Heiner Blum. Schnell
sei klar geworden, was sie nicht wollten: keine Party, keine Ausstellung,
kein Theater und erst recht nicht Teil einer Event-Kultur sein.
"Wir wollten die Leute nicht unterhalten, sondern mit ihnen
ein Stück ihres Lebens verbringen", sagt Blum. Übrig
blieben eine Menge Ideen und die Überzeugung, dass auch das
aufwendigste Konzept umsetzbar ist.
Daher steckt in jedem Schmalclub eine ungeheure Menge
unentgeltlicher Arbeit. Teilweise sind mehrere Studenten monatelang
mit der Organisation beschäftigt. Davon zeugt der reibungslose
Ablauf und die Detailverliebtheit bei den Clubabenden. Bis zu 150
Personen, Darsteller und Helfer, waren schon an einem Abend beteiligt
selten für mehr als das Fahrgeld. "Aber gerade
durch dieses unbezahlte Engagement entsteht eine höhere Intensität",
sagt Heiner Blum.
Was anfangs so spielerisch daherkam, entwickelte schon bald ein
festes Profil. "Was sich wie ein roter Faden durch alle 16
bisherigen Schmalclubs zieht, ist die verschobene Sicht auf den
Alltag, auf die Wirklichkeit", erklärt Steve Valk. "Wir
nehmen Partikel der Realität und setzen sie zu neuen Lebensräumen
zusammen." Eine besondere Rolle spielt dabei der Überraschungseffekt.
Das Publikum weiß nie, was es im TAT erwartet. Und auch die
Veranstalter zittern trotz monatelanger intensiver Vorarbeit bis
zum letzten Moment, ob alles klappt. "Wir haben allerdings
inzwischen schon ein Stammpublikum, das, sozusagen, zu jeder Schandtat
bereit ist", so Blum.
Auf die Flexibilität des Publikums setzen die Schmalclub-Macher
auch weiterhin, denn künftig wollen sie ihren bisher meist
eingehaltenen örtlichen und zeitlichen Rahmen sprengen, der
da hieß: ein Abend im TAT. "Wir wollen in den öffentlichen
Raum gehen und dort die Realität verändern", bestätigt
Steve Valk. Das Bockenheimer Depot bleibt zwar Basisstation, doch
wie ehemals die Straßenbahnen wollen nun die Studierenden
der HfG von dort aus die Welt erhoben, die vorerst Frankfurt heißt.
So ist für die nächste Saison unter dem Titel Hell ein
Schmalclub an der Konstablerwache geplant, der 14 Abende á
sechs Stunden dauern soll. Dadurch werden nicht nur Leute einbezogen,
die sich eine Eintrittskarte gekauft haben, sondern praktisch jeder
Passierende. Ein weiter Club soll ein bis zwei Monate in einer Frankfurter
Wohnung abgehalten werden. Ein Ausflug ins heimische Offenbach haben
die HfGler allerdings bis jetzt noch nicht vor. Wohl auch, weil
das Geld für ihre Clubs aus dem Etat des Ballett Frankfurt
stammt.
Die Ausdehnung von Raum und Zeit hat dem Team mehr
Raum für neue Ideen gegeben. Gerade deshalb ist auch nach mehr
als zwei Jahren keine Ende des Schmalclubs in Sicht. "Wir machen
weiter, allerdings wohl nur unter der Voraussetzung, dass William
Forsythe in Frankfurt bleibt", bestätigt Heiner Blum.
Er sei der Mentor und Geldgeber, ohne seine Inspiration sei ein
Schmalclub unvorstellbar.
Der nächste Schmalclub Das Versprechen von Dr. Oetker ist am
Sonntag, 23. Juni, 18 Uhr, vor dem Bockenheimer Depot. Gastgeber:
Verónica Aguilera, Julia Diehl, Tania Lescano und Marc Nothelfer.
Karten gibt's für zehn Euro unter 069/1340400.
Nadja Henselin
Frankfurter Rundschau
13.06.02
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